Ein Nadelöhr für die Intellektuellen

September 3, 2007

Gibt es im Himmel Platz für Intellektuelle? In unseren Gemeinden scheint es oft keinen zu geben. Drei Menschen, die mir sehr nahe stehen und am Herzen liegen, sind am Glauben gescheitert, weil sie zu grosse Denker waren. Das wirft für mich einige existentielle Fragen auf, die ich gerne zur Diskussion stellen möchte.

Dass der Zugang zum Christentum für gewisse kluge Köpfe so unmöglich zu sein scheint, lässt sich auf zweierlei Art erklären. Man könnte einerseits Matthäus 19,24 bemühen: „Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein an Verstand Reicher ins Reich Gottes komme“. Gott hat die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht – wer am Verstand kleben bleibt, findet das Kreuz nun mal nicht so leicht.

Andererseits geht es ja bei Matthäus noch weiter: „Als das seine Jünger hörten, entsetzten sie sich sehr und sprachen: Ja, wer kann dann selig werden? Jesus aber sah sie an und sprach zu ihnen: Bei den Menschen ist’s unmöglich; aber bei Gott sind alle Dinge möglich.“ Das Kreuz hilft uns durchs Nadelöhr. Ist denn irgendeiner von uns besser als der reiche junge Mann? Sind wir besser als meine drei erwähnten Freunde, weil wir uns schneller mit irgendwelchen Antworten zufrieden geben? Ich kann mich einfach nicht damit abfinden, dass Gott nicht auch für Menschen wie sie und mich eine offene Tür hat und einen Weg, auf dieser Welt ein authentisches Glaubensleben zu führen. Doch das Problem ist, dass sie in ihren Gemeinden mit ihren Fragen auf Granit gebissen haben und letztlich keine Möglichkeit sahen, sich mit der ihnen vorgelebten Frömmigkeit zu identifizieren.

Es geht nicht darum, dass alle Fragen beantwortet werden müssen – ich glaube, dass hat noch keiner erwartet oder verlangt. Es geht darum, dass sie gestellt werden dürfen, dass sie Platz haben und ernst genommen werden. Dass intellektuellen Geistern in der Gemeinde geholfen wird, Ansprechpartner und Gleichgesinnte zu finden. Es geht ja solchen Menschen selten darum, einfacher gestrickte Gemüter mit ihren komplizierten Zweifeln zu überfordern, sondern darum, eine Daseinsberechtigung zugesprochen zu bekommen, ohne von allen Seiten mit Misstrauen konfrontiert zu werden à la „du denkst zu viel und vertraust zu wenig“.

Ich wünsche mir zutiefst, dass die Gemeinden ihre Herzen weiter öffnen und bereit sind, auch unangenehme In-Frage-Steller in ihrer Mitte aufzunehmen.

posted by sara

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10 Comments Add your own

  • 1. Dave  |  September 3, 2007 at 11:34 Uhr nachmittags

    bin über relevantblogs.de auf deinen beitrag hier gestoßen und kann ihn nur voll und ganz unterstreichen. es MUSS erlaubt sein, zu denken, nachzufragen und auch zu zweifeln. alles andere wäre nicht reflektiert, wäre nur blindlings übernommen. hätte gott nicht wollen, dass wir denken, hätte er uns den verstand nicht gegeben.

  • 2. Sam  |  September 4, 2007 at 8:43 Uhr vormittags

    Es würde auch der Gemeinde gut tun, wenn auch ein paar drin wären, die denken statt nur den Leitern alles abzunehmen und nachzuplappern - wie es leider sehr oft der Fall ist.

    Zum Beispiel müssen Gemeinden endlich aufhören, über “Der Mensch stammt sicher nicht vom Affen ab” zu predigen und sich so in einen Kampf mit der Wissenschaft zu begeben, der gar nicht nötig wäre (aber Intellektuelle extrem abschreckt - zu recht).

  • 3. Reini  |  September 4, 2007 at 9:56 Uhr vormittags

    Ich bin froh, dass sich Deine Aussagen nicht pauschal auf alle Gemeinden beziehen und ich von meiner Gemeindeerfahrung her sagen kann: meine kritischen Fragen sind in der Regel ernst genommen worden.
    In Bezug auf die drei “intellektuellen” Freunde: es wäre für mich wahnsinnig spannend zu wissen, woran genau sie gescheitert sind. Welche Fragen sie hatten, an denen sie gestolpert sind. Und welche (platten) Antworten ihnen gegeben wurden, welche Ihnen davon nicht gefallen haben/ihnen Mühe machten/ihnen den Weg zu Jesus versperrten…
    Ich kenne die angesprochene Situation nicht - aber für mich riecht es ein bisschen nach Ausrede, wenn jemand sagt: ich denke zu viel - deswegen kann ich nicht glauben. Man könnte auch umgekehrt sagen: wer denkt, muss glauben…

  • 4. sara  |  September 4, 2007 at 3:46 Uhr nachmittags

    Danke für die Kommentare.
    Was mir besonders weh tut ist dass es bei jedem von ihnen ein aufrichtiger Wille spürbar war und die Ablösung erst nach einem langen Prozess der Auseinandersetzung erfolgte. Zwei waren sehr aktive Gemeindemitglieder. Mir schien es nicht so, dass es um einzelne Fragen oder Antworten ging, die falsch gewesen wären, sondern eher um ein Klima des Unverständnisses ihnen gegenüber. Ihre Fragen wurden, so wie ich es verstanden habe, oft als abgehoben oder irrelevant abgetan. Irgendwann “ermüdeten” sie schliesslich und suchten die Diskussion gar nicht mehr - so dass die Fragen natürlich erst recht nicht mehr beantwortet werden konnten.

  • 5. Gibt es im Himmel Platz f&hellip  |  September 4, 2007 at 6:19 Uhr nachmittags

    [...] ist - nicht nur wegen dem vermurksten Zitat - anscheinend nicht ganz richtig, wenn man “Ein Nadelöhr für die Intellektuellen” bei .diskutabel [...]

  • 6. myriel  |  September 4, 2007 at 9:52 Uhr nachmittags

    hi, es gibt die “Intellektuellen” in Gemeinden, wenigstens sind mir viele begegnet. “Christ sein” ist nicht gleich “einfach gestrickt sein” - davon kann ich mich täglich überzeugen! Es ist wohl eher, dass kaum eine echte “Streitkultur”, wie im jüdischen, hier in den Gemeinden gepflegt wird. Zu oft wird, meiner Meinung nach, nach einfachen Antworten gesucht und die Bibel ist nicht “einfach”. Somit ist es eher ein zwischenmenschliches Problem, eins der Geduld und der Gruppenterminologie im christlichem Sprachgebrauch.

  • 7. lagalug  |  September 4, 2007 at 11:44 Uhr nachmittags

    @myriel: da triffst du wohl tatsächlich einen (oder vielleicht: den) wunden punkt. ich denke, dass sich dieses problem nicht nur auf unsere gemeinden bezieht. es ist eher ein gesellschaftliches phänomen (so etwas ähnliches wollte ich in meinem (über)langem post vom “kerl mit der meinung” zum ausdruck bringen).

    und um die streitkultur ein bisschen zu fördern, will ich sam etwas entgegnen. oder eher: etwas fragen: so wie ich dich wahrnehme, würdest du dich wohl als “postmodernen” menschen bezeichnen. und zum “wertekanon” der postmoderne gehört ja u.a. die abkehr vom rationalismus (etwas sehr plakativ gesagt). persönlich finde ich es dann etwas irritierend, wenn von “postmoderner” seite gefordert wird, endlich mit dem (von mir aus: vormodernen, erzkonservativen, was auch immer) kreationismus aufzuräumen. ist das nicht zu “modern” gedacht?

  • 8. Judith  |  September 5, 2007 at 9:00 Uhr vormittags

    Ich finde es ok, wenn eine Gemeindeleitung die Evolutionstheorie hinterfragt. Es geht da ja oft auch um Lebensphilisophien. Mühe habe ich dann, wenn ich erkläre, dass ich an eine Welt glaube, die älter als 6000 Jahre ist, mir gleich der Glauben abgesprochen wird. Vielleicht ist das die fehlende Streitkultur. Oder wer sonst eine gänigige Lehrmeinung hinterfragt wird zum “Nicht-recht-lesen-der-Bibel” verurteilt. Da haben wir echt Aufholbedarf…

  • 9. dissident  |  September 5, 2007 at 5:11 Uhr nachmittags

    Eines vorneweg: für mich ist dies Christentum, das die Germanen und Barbaren Europas zivilisierte, die höchste Errungenschaft menschlicher Sittlichkeit zweifelsohne.

    Der intellektuelle Zerfall des Christentums nehme ich, freilich als Aussenstehender, kaum wahr, im Gegenteil, nunmehr regiert ein «intellektueller» Papst die katholische Kirche, und selbst innerhalb der akademischen Theologie, erachte ich, tummeln herausragende Intellektuelle sich, die, jeden Dogmatismus abhanden, unverblümt philosophieren.

  • 10. Rebecca  |  September 10, 2007 at 6:33 Uhr nachmittags

    Tief glauben - weit denken. Dies ist das Motto der Vereinigten Bibelgruppen in der Schweiz, sozusagen dem Netzwerk der christlichen Intellektuellen:-). Über Jahre hinweg habe ich erlebt, wie bereichernd es ist, über heisse Eisen zu diskutieren, ohne gerade als “schlechter Christ” abgestempelt zu werden.
    Übrigens muss man nicht intellektuell sein, um Fragen zu stellen. Vielen würde es einfach mal gut tun zu sehen, dass Christsein nicht heisst, überall und bei jedem Thema einer Meinung zu sein!

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