Noch ein Wort zu Kolumbien
Die ganze Kolumbien-Geschichte um die FARC und den Genfer Professor, der offenbar eine ziemlich unverkrampfte, um nicht zu sagen: kollegiale Beziehung zu der kriminellen Erpresser- und Drogenbande pflegte, ist ja ein wenig in den Hintergrund gerückt, angesichts der Causa Nef, die sich langsam aber sicher zu einer Affäre mit innenpolitischen Konsequenzen entwickelt (war da was von Sommerloch…?). Das ist einerseits verständlich, andererseits finde ich die Kolumbien-Sache weitaus interessanter, als ein Chef der Armee, der nicht darüber hinwegkommt, dass seine Freundin nicht mehr will (meine Einschätzung der Lage, en parenthèses: Herr Nef wird wohl seinen Hut, oder sein Beret, nehmen müssen. Das ist sicher korrekt, ein Mann mit dieser Vorgeschichte ist als oberster Militär nicht tragbar - auch wenn er sonst geeignet wäre. Aber: BR Schmid wird die Sache wohl aussitzen, weil er so gut wie unantastbar ist. Wenn sich der Bundesrat tatsächlich dazu entschliessen sollte, Herrn Schmid den Rücktritt nahe zu legen (was in meinen Augen richtig wäre), würde nämlich die SVP, z.B. mit Caspar Baader, den Sitz erben. Und das will, abgesehen von gut einem Viertel der Schweizer Bevölkerung, niemand in Bundesbern. Es ist schliesslich so schön kollegial, im Bundesrat).
Also, Kolumbien. Das ist doch wirklich interessant. Und zwar nicht unbedingt die Affäre Gontard. Was sich daraus entwickelt - on verra. Frau Calmy-Rey wird das Kind schon irgendwie schaukeln (und sich selbst aus der Schusslinie bringen). Interessanter ist doch der Konflikt an sich. Weil er so überhaupt nichts ins Lehrbuch passt. Immer und immer wieder hören und lesen wir, wie wichtig das Prinzip “Dialog” ist. Gewalt nützt nichts, nur das Gespräch kann weiterhelfen. Das Beschwören des Dialogs ist zur sinnentleerten Formel geworden, die ins Repertoire eines jeden Politikers gehört, der sich im Feld internationaler Krisen und Konflikte bewegt. Staaten, die dem alleinseligmachenden Dialogprinzip eher kritisch gegenüberstehen (weil es, aus schmerzlicher Erfahrung, nicht immer erfolgreich ist), werden mit einer gewissen Selbstgefälligkeit und Arroganz gemassregelt (siehe Israel).
Nun passiert aber das Unfassbare: Alvaro Uribe wird 2002 kolumbianischer Präsident und verlegt sich auf ein beinhartes Anti-Dialog-Prinzip. Die FARC wird nicht als gleichwärtiger Partner in einem Konflikt betrachtet, sondern als das behandelt, was sie ist: Eine terroristische Vereinigung krimineller Waffenschieber, Drogenbarone und Kidnapper. Er führt einen erbitterten Kampf, rüstet mit amerikanischer Hilfe die Armee auf und lässt seinen Geheimdienst von israelischen Ex-Militärs beraten (die haben nämlich Erfahrung, mit Geiselbefreiungen). Seine Strategie, über die man hierzulande und europaweit die Nase rümpft (da hat man nämlich eher Freude an Hugo Chavez, der auch schon mal einen TV-Sender schliessen lässt), ist erfolgreich. Die FARC kommt politisch und militärisch immer mehr in Bedrängnis. In Kolumbien macht sich Hoffnung breit, inbesondere unter der jungen Bevölkerung. Nicht zuletzt zeigt sich dies in Massenprotesten gegen die FARC, im Februar 2008. Und dann kommt, als vorläufiger Höhepunkt der Erfolgsstory, die Aktion vom 2. Juli 2008, in der Ingrid Betancourt zusammen mit dreizehn weiteren Geiseln befreit wird.
Man kann der kolumbianischen Regierung nur Glück wünschen und hoffen, dass ihr Kampf weiterhin so erfolgreich verläuft. Gut möglich, dass die Befreiung weiterer Geiseln schwierig wird. Doch der bisherige Verlauf hat klar gezeigt: Das Dialog-Prinzip ist eben doch nicht immer der richtige Weg.
posted by lukas
Add comment Juli 20, 2008








